Bargeldabschaffung – wie ist die Situation 2021 in Deutschland

Immer häufiger hört man aktuelle Diskussionen zum Thema Bargeld Abschaffung. Der Blick auf andere Länder zeigt, dass eine Welt ohne Bargeld gar nicht mehr so weit weg ist. Absoluter Vorreiter in Sachen bargeldloses Leben ist Schweden. Dort werden lediglich 27%1 aller Zahlungen noch mit Bargeld getätigt. In Deutschland liegt diese Zahl noch bei ganzen 79%2. So sind Dinge, die in Deutschland noch undenkbar wären, in Schweden bereits Alltag. Wer dort beispielsweise ein Parkticket bezahlen möchte, zückt die Karte oder gar das Handy aus der Hosentasche, anstatt mit Münzen oder Scheinen die kleinen Beträge zu begleichen.

Doch die Corona Krise hat die Entwicklung in Richtung bargeldloses Zahlen auch hierzulande nochmal stark vorangetrieben. Viele Läden fingen an, zum Infektionsschutz um kontaktloses Zahlen zu bitten oder gar kein Bargeld mehr anzunehmen. Auch wenn solche extremen Fälle noch sehr selten sind, liegt die Vermutung nahe, dass auch wir uns immer weiter in die gleiche Richtung wie Schweden bewegen.

Doch wie wäre eine Welt ohne Bargeld? Und welche Vor- und Nachteile hätte das?

Bargeldabschaffung - 1822direkt

Bargeld, Karte oder App - Eine Übersicht über aktuelle Bezahlmöglichkeiten

Mittlerweile gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, Online oder vor Ort zu Bezahlen. Immer mehr neue, innovative Technologien kommen jährlich auf den Markt dazu. Eine Auflistung der wichtigsten Bezahldienste finden Sie hier:

Bargeld

Natürlich darf das bewährte Bargeld hier nicht fehlen. Vor allem die Deutschen hängen ganz besonders an dieser Zahlmethode. Ob als reine Bezahlmöglichkeit, für das Taschengeld oder als Geschenk, Bargeld ist bei uns in fast allen Situationen die präferierte Wahl.

EC-Karte / girocard

Neben dem Bargeld ist die girocard die am weitesten verbreitete Zahlungsmöglichkeit in Deutschland. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK besaßen im Jahr 2015 knapp 95%3 aller Bürger eine girocard. An dieser Quote hat sich sehr wahrscheinlich kaum etwas im erheblichen Umfang seither geändert. Mit ihr kann in so gut wie bei allen Einzelhändlern und Online-Shops gezahlt werden.

Kreditkarte

Auch die Kreditkarte ist eine sehr verbreitete Zahlungsmöglichkeiten in Deutschland und wird in nahezu jedem Laden akzeptiert. Das Besondere an der Kreditkarte ist, dass der zu zahlende Betrag am Ende des Monats dem Girokonto belastet wird. Das verschafft dem Kreditkarteninhaber Liquiditäts-Spielräume. Zudem haben Kreditkarten den großen Vorteil, dass sie auch international und für Online-Einkäufe nutzbar sind.

PayPal

PayPal ist ein Online-Bezahldienst, welcher ebenfalls weit verbreitet ist. Über PayPal können Zahlungen an Einzelhändler oder an Freunde und Bekannte gesendet werden. Hauptsächlich wird der Zahlungsdienst zum Versenden von kleinen und mittelgroßen Geldbeträgen genutzt.

Klarna

Klarna ist ein schwedisches Finanztechnologie Unternehmen. Ihre Bezahl-Technologie ist bereits weit verbreitet und kann auf vielen E-Commerce Seiten genutzt werden. Hauptsächlich übernimmt das Unternehmen die Zahlungsansprüche der Händler und wickelt in deren Namen die Zahlungen mit den Kunden ab. Mit der Klarna App hat der Kunde seine Rechnungen bestens im Blick und bestimmt, wann sie beglichen werden soll.

Google Pay / Apple Pay

Wie der Name schon vermuten lässt, handelt es sich bei Google Pay bzw. Apple Pay um online Zahlungsdienstleister von den US-amerikanischen Unternehmen Google und Apple. Das Zahlungssystem funktioniert mithilfe einer mobilen E-Wallet und einer NFC (Near Field Communication) Technologie. So können Einkäufe direkt mit den Endgeräten, wie einer Smart Watch oder einem Smartphone getätigt werden. Diese müssen dazu lediglich an die gängigen Kartenterminals gehalten werden.

Kryptowährungen

Auch verschiedene Kryptowährungen werden immer beliebter. Besonders der Bitcoin ist in den letzten Jahren nicht nur im Wert, sondern auch in der gesellschaftlichen Akzeptanz stark gestiegen. Sogar manche Cafés, Einzelhändler oder Essens-Lieferdienste akzeptieren bereits die Bezahlung mit Bitcoins. Es ist denkbar, dass Kryptowährungen auch in den kommenden Jahren immer stärker im alltäglichen Leben als Bezahloption genutzt werden.

Wer profitiert von der Abschaffung des Bargelds?

Die Meinung der Bürger ist eine Seite der Diskussion über die Bargeldabschaffung. Unabhängig davon gibt es jedoch auch noch weitere Interessengruppen, welche von einer Abschaffung des Bargeldes grundsätzlich profitieren könnten.

Zentralbanken

Im Falle einer Bargeldabschaffung würden die Zentralbanken bedeutend an Macht gewinnen. Denn sie legen den Leitzins fest, für den alle anderen Kreditinstitute sich bei ihnen Geld leihen oder anlegen können. Je niedriger der Leitzins für die Banken ist, desto niedriger werden auch die Zinsen, welche von Privatpersonen in Anspruch genommen werden können, beispielsweise für ihre Konten.

Fällt dieser Zinssatz in einen negativen Bereich, spricht man auch von sogenannten Strafzinsen (Negativzinsen). Dann müssen Kunden eine Abgabe in Form von Zinsen dafür zahlen, dass sie ihr Geld anlegen können. Je länger das Vermögen auf der Bank verweilt, desto mehr Geld verlieren die Kontoinhaber.

Aktuell können solche Maßnahmen schwer umgesetzt werden, da Kontoinhaber immer die Möglichkeit haben, ihr Geld abzuheben und beispielsweise in Tresoren aufzubewahren. Bei einer Bargeldabschaffung fällt diese Maßnahme weg. Somit wäre es für die Zentralbanken leichter, niedrige oder sogar negative Leitzinsen anzusetzen.

Geschäftsbanken

Auch für die Geschäftsbanken gäbe es einige Vorteile bei einer Bargeldabschaffung. Denn gibt es kein Bargeld mehr, müssen die Banken keinen Bank-Run mehr befürchten. Bei einem solchen Bank-Ansturm wollen viele Kunden in kürzester Zeit ihr Geld von der Bank abheben. Da die Banken jedoch die meiste Zeit einen Großteil ihrer Einlagen investiert haben, kommt es bei so einem Ansturm zu Liquiditätsengpässen und führt im schlimmsten Fall zur Insolvenz des Kreditinstituts. Ohne Bargeld ist so ein Bank-Run nicht mehr möglich.

Zudem können die Banken nach einer Bargeldabschaffung einfacher Gebühren durchsetzen, denn auch hier können die Bankkunden ihr Geld nicht mehr aus “Protest” gegen die Gebühren abheben.

FinTechs

Der Begriff FinTech leitet sich von dem Wort Finanztechnologie ab. Er steht also für neue und innovative Ideen im Bereich der Finanzdienstleistungen. Oft werden damit neue Technologien oder auch dementsprechende Start-Ups gemeint, welche neue Zahlungsarten entwickeln oder bestehende Prozesse verbessern. Im weitesten Sinne umfasst der Begriff Kreditkarten-Anbieter, Bezahl-Apps, Anbieter elektronischer Zahlungssysteme (bspw. E-Wallets) oder Mobile Payment Technologien.

Es liegt auf der Hand, dass diese Branche stark von der Bargeldabschaffung profitieren würde. Ein Geschäft im FinTech Bereich würde sich noch stärker lohnen als aktuell, da die Zielgruppe sich enorm erweitern würde und schneller mehr Nutzer für neue Finanz Technologien gewonnen werden könnten.

Welche Vor- und Nachteile hätte eine Bargeldabschaffung

Das Thema der Bargeldabschaffung polarisiert. Immer wieder werden Stimmen zu den positiven oder negativen Folgen der Abschaffung groß. Wir haben für sie die wichtigsten Argumente für und gegen ein Leben ohne Bargeld zusammengestellt.

Pro Abschaffung

  • Bargeld ist teuer: Was überraschend für viele sein mag, dasBargeld ist signifikant teurer als die Nutzung von bargeldlosen Zahlungsmitteln. Es sind nicht nur die Produktionskosten der Geldscheine und -münzen, welche das Bargeld so teuer machen. Vor allem betrifft das das Bargeld-Handling wie zum Beispiel Transportkosten zu den Banken, Bestückung von Geldautomaten, Verwahrung im Banksafe oder der Austausch von abgenutzten Scheinen. Diese Kosten werden dann gemeinschaftlich zwischen den Banken, Einzelhändlern und Privatpersonen getragen.
  • Effizienz: Bargeldlose Zahlungen sind deutlich effizienter und können schneller abgewickelt werden.
  • weniger Fehler: Beim Bezahlen ohne Bargeld können weniger Fehler passieren. So kann beispielsweise die Ausgabe von falschen Rückgeld-Beträgen vermieden werden.
  • geringere Kriminalität: Auch dieses Argument wird regelmäßig von Befürwortern der Bargeldabschaffung genannt, denn ohne Bargeld kann es keine Überfälle von Banken, Geldtransportern oder Einzelhandelsgeschäften mehr geben.

Contra Abschaffung

  • Einschränkung der Wahlfreiheit: Aktuell können immer mehr Einkäufe elektronisch bezahlt werden, müssen es aber nicht. Ohne Bargeld gäbe es nicht mehr die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, welches Zahlungsmittel man nutzen möchte. Viele Kritiker der Bargeld-Abschaffung sehen darin auch eine Einschränkung in der persönlichen Freiheit des Menschen.
  • “gläserner Bürger”: Wenn wir lediglich bargeldlos Bezahlen können, werden folglich auch alle unsere Zahlungen in Datenbanken gespeichert. Viele Kritiker der Bargeldabschaffung befürchten durch die Nachvollziehbarkeit der Zahlungen den sogenannten gläsernen Menschen. Dabei gibt es strenge Datenschutzgesetze, welche diesem Phänomen entgegenwirken sollen.
  • Cyberkriminalität: Konträr zu den Befürwortern der Bargeldabschaffung, sind viele Kritiker der Meinung, dass die Kriminalitätsrate gleich bleiben oder sogar ansteigen wird. Die Kriminalität wird sich lediglich in die virtuelle Welt verlagern. Vermehrt wird es zu Hackerangriffen auf persönliche Daten und Online-Währungen kommen, so die Kritiker.

Coronavirus: Wie jetzt mit dem Bargeld umgehen

Corona rüttelt am Vertrauen ins Bargeld

Im Zuge der Corona Krise veränderte sich die gesellschaftliche Sicht auf Bargeld. Lange war unklar, ob über die Scheine und Münzen das Virus übertragen werden kann. Viele Läden fingen an, kontaktlose Zahlungsmittel als präferierte Zahlungsoptionen anzugeben. Sowas hat es vorher noch nie gegeben. Ein Gewinn ist das sicherlich für alternative Zahlungsanbieter wie PayPal und Klarna.

Gibt es ein erhöhtes Infektionsrisiko durch Bargeld

Doch besteht wirklich ein erhöhtes Infektionsrisiko bei der Nutzung von Bargeld? Die Deutsche Bundesbank und auch der Infektiologe René Gottschalk halten diese Gefahr für sehr gering. Der Bundesbank Vorstand gab sogar an, die Scheine so entworfen zu haben, dass sie auch bei täglicher Nutzung noch sauber und hygienisch bleiben. Stark verschmutzte Scheine werden zudem regelmäßig aus dem Verkehr gezogen und gegen neue Banknoten ausgetauscht. Dennoch ist ein Ansteckungsrisiko in der aktuellen Zeit nie auszuschließen.

Für eine mögliche Ansteckung müssten jedoch einige sehr spezielle Umstände herrschen.

  • Zunächst müsste eine infizierte Person direkt auf die Banknoten Husten oder Niesen, um diese ausreichend für eine weitere Übertragung zu kontaminieren.
  • Dieser infizierte Schein müsste zeitnah zur Zahlung genutzt oder weitergegeben werden, damit noch ausreichend Coronaviren für eine Infektion darauf enthalten sind.
  • Der Rezipient des infizierten Bargelds müsste sich kurz darauf, mit einer ausreichenden Menge an Viren auf den Händen, über das Gesicht und die sich dort befindenden Schleimhäute fassen, um die Viren zu übertragen.

Selbst bei eintreten der ersten beiden Umstände sollte durch regelmäßiges und gründliches Händewaschen beziehungsweise -desinfizieren kein großes Risiko bestehen.

Coronavirus - Der richtige Umgang mit Bargeld

Wer auch aktuell nicht auf die Nutzung von Bargeld verzichten, aber dennoch auf Nummer sicher gehen möchte, hat natürlich die Möglichkeit, die Scheine zu desinfizieren. Auf ein herkömmliches Desinfektionsspray sollte dabei jedoch verzichtet werden. Diese können die Scheine potenziell schädigen. Münzen können jedoch ohne Bedenken auf diese Art und Weise desinfiziert werden.

Für die Scheine empfiehlt es sich, sie nach Erhalt für ein bis drei Tage aus dem Geldbeutel zu nehmen und in die direkte Sonne zu legen. So stirbt das potenzielle Virus auf den Scheinen von allein ab.

Prognose - Wann wird das Bargeld abgeschafft

Eine Bargeldabschaffung wird nicht vom einen auf den anderen Tag geschehen. Aktuell ist schwer absehbar, wann dieses Thema stärker und aktiv in den Fokus rücken wird.

Sehr wahrscheinlich wird das Aufgeben des Bargeldes in kleinen Schritten vollzogen, indem die Nutzung des Bargeldes nicht nur teurer, sondern auch unpraktischer als seine Alternativen wird. Ein erster Schritt war beispielsweise die Abschaffung des 500 Euro Scheins. Ein mögliches Szenario zu Bargeldabschaffung könnte ungefähr so ablaufen:

  1. Nach und nach werden große Banknoten abgeschafft.
  2. Es gibt eine Obergrenze für Bargeldzahlungen. Diese wird schrittweise verschärft.
  3. Die Bargeld-Annahmepflicht wird immer weiter aufgehoben, auch für wichtige Dienstleistungen.
  4. Einheitliche Abhebungs-Beschränkungen für Bargeld werden eingeführt und immer weiter verschärft.
  5. Es werden zusätzliche Zahlungen, wie beispielsweise Steuern oder Gebühren, auf die Zahlung mit Bargeld erhoben.

Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass Deutschland weit entfernt von dem schwedischen Modell der bargeldlosen Zahlungen liegt. Der Deutsche liebt sein Bargeld. Dennoch ist zu beobachten, dass vor allem die jüngere Generation, für welche die Smartphone Nutzung eine Selbstverständlichkeit ist, den bargeldlosen Zahlungen offen gegenüberstehen.


1https://www.finanzfluss.de/blog/was-ist-bargeldverbot/

2https://www.finanzfluss.de/blog/was-ist-bargeldverbot/

3https://web.archive.org/web/20160315071440/http://www.girocard.eu//files/gfk-studie_juli_2015_bekanntheit_girocard_in_deutschland.pdf